Eugen Fink (1905 – 1975) gehört immer noch zu den unbekannteren, wenig gelesenen Philosophen des 20. Jahrhunderts. Dabei ist sein Beitrag zur Ausgestaltung und Vermittlung der Phänomenologie Edmund Husserls, dessen Privatassistent und ständiger Gesprächspartner er ab 1930 wurde, kaum zu überschätzen. Fink diente Husserl nicht nur dank seines phänomenalen Gedächtnisses als „lebendiges Diktiergerät“, sondern auch als kritischer Gesprächspartner, der die Textentwürfe Husserls nicht nur ordnete, sondern ihnen auch, in ständiger Durcharbeitung, mit Einwänden und Fragen begegnete. Er genoss Husserls Vertrauen so sehr, dass er nicht nur die – für die japanische und französische Rezeption der Phänomenologie wichtigen – Einführungsseminare in die Phänomenologie für internationale Studierende übernahm, sondern auch Teile von Husserls Korrespondenz mit Kollegen aus aller Welt betreute. Nach Husserls Tod war Fink für die Rettung des husserlschen Nachlasses ins heutige Husserl-Archiv nach Löwen mitverantwortlich.

Durch die große Strahlkraft Husserls gerät Finks sehr eigenständige philosophische Position oft in den Hintergrund. Fink kombiniert die Phänomenologie in seinen eigenen Texten immer wieder mit dem Denken der Klassischen Deutschen Philosophie (vor allem Kant und Hegel). Sein kritischer Zugang zur Phänomenologie, dargelegt in Texten wie der (von Husserl in Auftrag gegebenen) VI. Cartesianischen Meditation, wurde auch wegen der Offenheit und der umfassenden Bildung Finks zu einem wichtigen Ausgangspunkt für die französische Philosophie – Philosophen wie Merleau-Ponty, Derrida und Richir beziehen sich regelmäßig auf Finks Texte und beziehen wichtige Impulse daraus für ihre eigenen philosophischen Positionen.

Trotz seiner umfassenden Kenntnis nicht nur der philosophischen, sondern auch der dichterischen Traditionen, die Finks Philosophie – im Sinne Cassirers – zu einer Kulturphilosophie werden lässt, behielt Fink seine zentralen Gedanken eher für sich und ließ sie nur sporadisch in die von ihm veröffentlichten Werke einfließen. Husserls (und auch Heideggers) Hochachtung für Fink, die beide ihm zu verschiedenen Gelegenheiten ausdrückten, änderte nichts daran, dass er das Angebot ausschlug, Heidegger auf den Lehrstuhl in Freiburg zu folgen und sich lieber der Vermittlung der Philosophie in Pädagogik und Didaktik widmete. Auch wegen dieser aktiven Verweigerung, im Mittelpunkt zu stehen, gehört Fink heute zu den philosophischen „Geheimtipps“ für alle, die nach einem neuen, kritischen Zugang zur Phänomenologie suchen, der zugleich anschlussfähig sowohl an die Klassische Deutsche Philosophie wie an die zeitgenössische Französische Philosophie ist.

Im Rahmen des 2019 von Alexander Schnell neu gegründeten Eugen-Fink-Zentrums am Institut für Transzendentalphilosophie und Phänomenologie soll dieser von der Rezeption oft vergessene Denker als eigenständiger Philosoph und Weiterentwickler der Phänomenologie neu gelesen werden. Als derjenige Privatassistent Husserls, der seine intime Kenntnis der Phänomenologie mit der Klassischen Deutschen Philosophie und mit kenntnisreicher Rezeption der philosophischen Tradition von der Antike bis zur Neuzeit verbindet, steht Fink geradezu exemplarisch für die Verbindung von Phänomenologie und Transzendentalphilosophie. Seine weitreichende Rezeption in Frankreich macht in zudem anschlussfähig für die aktuellen Debatten der Französischen Phänomenologie.