Im zweiten Traktats seines Convivio (dt. Gastmahl) – zwischen 1304 und 1307 in italienischer Volkssprache verfasst – setzt sich Dante Alighieri mit dem Wesen der Allegorie auseinander und erhebt sie zur Grundlage der philosophischen Erkenntnis. So gestaltet er zuerst das Traktat als Selbstkommentar zu einer eigenen Kanzone, die, allem Anschein nach einem Liebesgedicht gleich, sich in allegorischer Deutung als Leitfaden zur Darlegung der mittelalterlichen Ontologie enthüllt. Aber es ist vor allem der Autor selbst, der sich von Anfang an auf eine Metaebene begeht und seine Autorschaft zum Thema der eigenen Interpretation macht. Insofern verwandelt sich Dantes dichterische Erfahrung in die Allegorie des menschlichen Strebens nach jener Erkenntnis, die die Kanzone in verhüllter Form in sich trägt. Dadurch ist aber noch eine dritte Ebene der Interpretation erreicht, auf der die allegorischen Inhalte des Liebesgedichtes einer weiteren Deutung unterzogen werden. In einer Allegorisierung der Allegorie wird dann die mittelalterliche Kosmologie, die eine erste Auslegung der Kanzone ans Licht gebracht hatte, in das Spiegelbild des philosophischen Wissens umgedeutet und die Himmelssphären in die Sinnbilder der mittelalterlichen Künste verwandelt. In einer vollkommenen Deckung zwischen Architektur des Kosmos und Architektur des Wissens ist dann die Allegorie selbst jenes innere Gefüge des Seins, das Wort, Denken und Leben zusammenhält.

Textgrundlage: Dante Alighieri, Das Gastmahl, zweites Buch, in: Ders., Philosophische Werke in einem Band, Meiner Verlag.